„The Long Cold Dark“… Diesen Begriff für die Winterzeit mit ihrem trüben Licht, kalten Temperaturen und langen, dunklen, Abenden habe ich auf Mastodon[1] entdeckt.
Der Winter ist zwar eine Zeit für Reflektion und um Klarheit zu finden, eine Zeit wo neue Ideen und neues Leben schon keimen, die fehlende Sonne und Wärme aber bringt eigene Herausforderungen. Man kennt es vielleicht, das Gefühl welches sich über diese Zeit hinweg einschleichen kann – Lethargie, gedämpfte Laune, Freudlosigkeit.
Was aber kann man tun um die fehlende Sonne, Tageslicht und Wärme zu kompensieren? Was kann man tun, um seine Energiekurve oben zu halten?
Die Völker und Urvölker im hohen Norden haben dafür Antworten für uns – die Inuit, die Sibiren oder die Skandinavier. Schamanisches Wissen und Techniken ergänzen diese Ratschläge.
Über viele Jahrhunderte der Besiedlung solcher Breitengrade haben die Menschen erkannt, dass es ‚mehr‘ braucht als nur stoisch einen Fuss vor dem anderen zu setzen um gut durch diese Zeit zu kommen.
Dazu gehören gesundes Essen, Beschäftigung und vor allem der soziale Zusammenhalt.
Die Energiekurve
Allgemein gesagt: Es sollten Körper und Geist fit gehalten werden und die Laune sollte stets gut sein. Am Besten ist es, seine Energiekurve oben zu halten und etwas zu tun sobald sie auch nur anfängt zu sinken. Denn es kostet viel mehr Kraft aus einem Loch zu klettern als gar nicht erst in das Loch zu fallen. Das wissen zum Beispiel die Schamanen aus Sibirien schon seit Jahrtausenden.
Wie aber kann man seine Energiekurve oben halten oder dort hinbringen?
Ernährung
Ganz wichtig ist gute Ernährung. Insbesondere sollte man genügend Vitamine und Mineralien zu sich nehmen. Früher hat man dafür im Herbst Obst, Beeren und Gemüse eingekocht oder eingelegt um deren Vitamine und Inhaltsstoffe auch im Winter zu erhalten. Heute kann man zum Glück auch einfach in den Supermarkt und hat eine gute Auswahl an frischem Obst und Gemüse – oft sogar saisonal und regional.
Es darf auch ruhig eine abwechslungsreiche Küche sein und nicht immer die gleichen Rezepte. Zu oft schwere, fettige oder übersüße Mahlzeiten ziehen den Körper auf Dauer herunter.
Eine gute Ernährung hält den Körper und das Immunsystem fit.
Heutzutage kann man auch mit Hilfe von Nahrungsergänzungsmittel den einen oder anderen Mangel ausgleichen: Vitamin D, Omega-3-Fettsäure, Vitamin-C+Zink und weitere.
Körperliche Fitness
Auch im Winter ist es wichtig sich zu bewegen, vor allem an der frischen Luft. Ein Besuch im Fitnessstudio tut zwar gut, stärkt die Muskeln, das Herz und den Kreislauf, aber es braucht auch die frische Luft.
Mentale Fitness und Beschäftigung
Körper, Geist und Seele bilden ein Ganzes. Es bringt viel mehr wenn nicht nur der Körper stark bleibt sondern auch der Geist.
Um seinen Verstand fit zu halten sollte man ihn aktiv beschäftigen – durch Lesen, kaputte Sachen reparieren, alten oder neuen Hobbies nachgehen, über philosophische, spirituelle oder religöse Themen nachdenken und sprechen (oder am besten praktizieren!), oder eine Sprache lernen.
Es sollte auch einen bewussten Fokus auf das Positive geben, auf das Erhebende. Negative Nachrichten, trübe Geschichten, Doomscrolling oder Dauerberieselung durch Fernsehprogramme ziehen einen wieder auf die absteigende Kurve.
Umfeld und Raumklima
Der Mensch ist Teil seiner Umgebung, seine Umgebung beeinflusst ihn.
Die Skandinavier haben einen Begriff „hyggelig“[2]. Dahinter steckt das Konzept sein Umfeld möglichst gemütlich, gut und wohltuend zu halten. Fühlt man sich in seinem Umfeld wohl, dann hebt das die Stimmung. Lebt man inmitten von nicht aufgeräumter Gegenständen, ungewaschenem Geschirr und verdorrten Zimmerpflanzen, dann hat das eine entgegengesetzte Wirkung.
Gesellschaft
Gesellschaft – der Austausch untereinander, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe Gleichgesinnter – ist äußerst wichtig um die Stimmung zu halten, sich auszutauschen und sich der guten Gesundheit seiner Mitmenschen zu vergewissern. Es gibt viele Angebote um einen herum – Sportvereine, Theatergruppen, Tanzschulen, Spielegruppen, Gesangsrunden.
Es kann die Zeit auch genutzt werden um sich Familienkreis zu treffen und Geschichten erzählen. Bei solchen Treffen wurden früher die Werte der Familie und des Stammes weitergegeben, ihre Geschichten erzählt, die Ahnen geehrt. Wie zum Beispiel die Geschichte von „Little-Man-With-Hair-All-Over“, eine Heldengeschichte der Métis, oder „Wakiash And The First Totem Pole“, eine Geschichte über Mensch und Tier der Kwakiutl [3].
Aus den mündlichen Traditionen der Isländer sind die Isländischen Sagen entstanden. Eine Theorie zu den überaus vielen und gut erhaltenen schriftlichen Überlieferungen der Sagen ist, dass eine Fülle an Pergament und die langen Winterabende zum Schreiben angeregt haben. Vor dem Winter wurden die Rinder geschlachtet und deren Fleisch gepökelt – die Haut wurde zu Leder und zu Pergament verarbeitet. Während des Winters mit den den langen Abenden war also viel Pergament da – man hatte Material und Zeit zum Schreiben.
Im Winter kommen die Inuit in eng-vernetzten Familiengruppen zusammen um die dunkle und kalte Zeit in ihren Iglus zu verbringen. In dieser Zeit feiern sie das Quviasukvik-Fest, welches von Heiligabend bis zum ersten Sonnenaufgang dauert (früher vom ersten Tag des Jahres an, heute ist das traditionelle Fest durch das christliche Weihnachten mitgeprägt). Wichtig ist hier die Gemeinschaft, die über den engsten Familienkreis hinaus geht.
Bei den Sami wird das “Julebu” gefeiert, ihr Weihnachtsfest an dem Rentierfleisch, Preiselbeersauce und Fladenbrot auf dem Tisch steht. Vielmehr geht es jedoch darum, zusammenzukommen und den Moment zu Feiern, das Leben, während den langen, kalten Tagen des Winters. Zur Wintersonnwende werden große Feuer gezündet, um das neue Jahr, die neue Sonne, einzuleiten. Das Licht und die Wärme der Feuer bietet die Bühne für traditionelle Tänze.
Schamanische Techniken
Über das rein Körperliche und Mentale hinaus wissen die Schamanen auch von anderen Techniken um sich die fehlende Sonnenkraft zu holen.
Mit einer schamanischen Trommelreise kann man beispielsweise zur Sonne reisen, sich dort an der Kraft von Vater Sonne auftanken, oder zum Geist des Sanddorns und von seiner Energie kosten. Man kann auch Mittelweltreisen in wärmere Gefilde machen – ein paar Minuten Urlaub in Cancun, Kenia oder Australien. Es gibt unzählige andere Kraftquellen in der Nicht-Allträglichen-Wirklichkeit welche man aufsuchen kann – am besten wissen eure Krafttiere was in diesem Moment das beste für euch ist.
Man kann sich auch die Kraft seiner Krafttiere direkt zu Nutze machen in dem man sie ruft und um eine Verschmelzung bittet. In der Verschmelzung fliesst ihre Kraft durch euren Körper, frischt sie mit ihrer Energie auf. Wer hätte denn nicht gerne im Winter mal die Kraft des Büffels, die lustige Laune des Affen oder die Bewegungsfreiheit des Adlers? Wenn es kalt ist und die dicken Stiefel nicht ganz helfen – mit Eisbärtatzen wird einem nicht kalt.
Die Energiekurve oben halten
Wie oben schon beschrieben ist es besser ein hohes Niveau der Energiekurve zu halten als immer wieder aus einem Loch klettern zu müssen. Stetig kleine Arbeiten ermöglichen dies – gute Ernährung und Bewegung bilden die Basis, mentale Fitness und gesellschaftlicher Austausch bauen darauf auf. Und zu guter Letzt kann man mit schamanischen Techniken nachhelfen und unterstützen.
Wer den Schamanismus selbst erleben und lernen möchte kann uns zum Beispiel auf einem unserer Schamanenabende besuchen. Wir freuen uns auf euch!
Neil
1: Mastodon ist ein föderales, dezentrales soziales Netzwerk ohne Werbung und ohne Feed-Algorithmus. Sie bestimmen welche Sorte Nachrichten Sie sehen. https://joinmastodon.org/
2: Hyggelig – https://de.wikipedia.org/wiki/Hyggelig
3: Aus dem Buch „American Indian Myths And Legends“ von Richard Erdoes und Alfonso Ortiz, ISBN 978-0-394-74018-8, Pantheon Books, New York.
